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22 | 07 | 2018
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Aufbruchsstimmung im Eberswalder Bahnwerk: Nach abgewendeter Schließung sind die Auftragsbücher voll. Vor zwei Jahren schien das Schicksal des Bahnwerks Eberswalde (Barnim) besiegelt, der Verlust von mehreren hundert Arbeitsplätzen unabwendbar. Die Deutsche Bahn wollte sich von dem Werk trennen, es Ende 2016 schließen. Als Grund wurde der Auftragsrückgang für die Instandhaltung von Güterwagen genannt. Das Aus des wichtigen Arbeitgebers hätte die Stadt schwer getroffen. Über Monate wurde gegen die Pläne protestiert.

»Wir hatten von Anbeginn an Interesse angemeldet, kamen aber nicht zum Zuge«, sagt Oliver Wiechmann, Geschäftsführer der Schienenfahrzeugbau Wittenberge GmbH, Tochter der Deutsche Eisenbahn Service AG (DESAG), zu der das Bahnwerk Eberswalde heute gehört. Als der Investor, der Anfang 2017 das Werk übernommen hatte, Insolvenz anmeldet hatte, wurde die DESAG, die sich schon 2015 beworben hatte, vom Insolvenzverwalter wieder ins Boot geholt.

 

Zum 1. Januar 2018 übernahm dann die DESAG-Tochter aus Wittenberge offiziell das Werk Eberswalde. »Wir haben das Potenzial gesehen«, sagt Wiechmann. Vor allem das Wissen der Mitarbeiter bei Reparatur und Wartung von Schienenfahrzeugen habe den Ausschlag für das Engagement gegeben.

Bei der Übernahme waren noch 74 der einst mehr als 300 Mitarbeiter da. Mittlerweile wurde auf rund 90 Beschäftigte aufgestockt. Zum Jahresende sollen es 100 bis 120 sein. »Wir suchen aktuell Mechatroniker und Elektroniker«, sagt Unternehmenssprecherin Longina Hessel. Die höhere Auslastung der Radsatzwerkstadt und die wieder aufgenommene Instandhaltung von Reisezugwagen erfordere mehr Personal.

»Der Kampf um den Erhalt des Bahnwerks Eberswalde hat mir manche schlaflose Nacht bereitet«, sagt Wirtschaftsminister Albrecht Gerber (SPD). Es habe große Anstrengungen gekostet, die Deutsche Bahn von der geplanten Schließung abzubringen und von einem Verkauf zu überzeugen. Das Interesse der DESAG von Anbeginn habe wesentlich dazu beigetragen, dass sich das Land mit seinen Bemühungen um Erhalt des Industriestandortes durchsetzen konnte.

»Wir konnten mit vielen einstigen Kunden Kontakt aufnehmen, die nun wieder unseren Service nutzen«, sagt Wiechmann. Aus ganz Europa kommen Waggons nun nach Eberswalde, Kunden sind Eisenbahnunternehmen aus Deutschland, Frankreich, Österreich und der Schweiz. Kesselwagen, Schüttgutwagen und Containerwagen. »Das ist unser Kerngeschäft«, sagt er. Neu aufgenommen wurde die Wartung von Triebfahrzeugen und Reisezugwagen. Aktuell wird die Investition in eine neue Kesselwagenreinigungsanlage geprüft. Bislang durchlaufen pro Jahr insgesamt etwa 500 bis 600 Wagen das Werk.

Die DESAG mit ihren insgesamt rund 450 Beschäftigten kümmert sich neben dem Güterverkehr auch um Personenverkehr in Brandenburg (hier die Prignitz), Mecklenburg-Vorpommern und ab September auch Sachsen-Anhalt bedient. Das eigene Schienennetz in den drei Ländern umfasst 400 Kilometer.

»Unser Umsatz ist gut«, sagt Wiechmann. »Wir wollen Stück für Stück weiter wachsen. Die Mitarbeiter haben uns ihr Vertrauen geschenkt. Und: wir werden auch wieder ausbilden.« Aus manchen Bahnwerker-Familien ist schon die dritte Generation dabei.

Bundesweit betreibt die Deutsche Bahn noch zwölf Bahnwerke, in Brandenburg sind das Cottbus und Wittenberge. In Wittenberge etwa warten 700 Mitarbeiter und 40 Azubis derzeit unter anderem Doppelstockwagen und Straßenbahnen. Die Bahn will die Werke gemäß ihres neuen Konzepts für die Fahrzeuginstandhaltung erhalten, jedoch wirtschaftlicher und wettbewerbsfähiger machen. Betriebsbedingte Kündigungen soll es nicht geben, sagte ein Bahn-Sprecher. Von Stellenabbau betroffenen Mitarbeitern werde eine neue berufliche Perspektive ermöglicht.

von Gudrun Janicke; ND, 12.07.2018, S.13

Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, den 12. Juli 2018 um 08:48 Uhr