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20 | 07 | 2019
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Presseerklärung der Rosa-Luxemburg-Stiftung Brandenburg zur gegenwärtigen öffentlichen Debatte über die Veranstaltung „Agrargenossenschaften gestern und heute“ am 24. April 2010 in Kyritz
Es ist schon überraschend, wenn im Zusammenhang mit einer Veranstaltung der Rosa-Luxemburg-Stiftung Brandenburg am 24. April 2010 die Oppositionsparteien im Brandenburger Landtag, der Deutsche Bauernbund e.V. sowie einige Zeitungen und Medien voller Aufregung unisono der Brandenburgischen Landesregierung sowie Parlamentariern der SPD und der LINKEN vorwerfen, die „Zwangskollektivierung in der DDR zu verharmlosen“ und überdies dem Ministerpräsidenten Matthias Platzeck unterstellen, er habe dazu eine „unklare Haltung“. Zugleich wird der Rosa-Luxemburg-Stiftung, die in dieser Debatte auch schon mal aus Unkenntnis als „Karl-Liebknecht-Stiftung“ oder „Clara-Zetkin-Stiftung“  bezeichnet wird, vorgeworfen, sie habe in „Ketzin“ (und nicht etwa in Kyritz) eine „Jubelveranstaltung“ abgehalten, die als „Gegenveranstaltung“ zur am Folgetag vorgesehenen Einweihung eines Denkmals des Bauernbundes für die „Opfer der Zwangskollektivierung im so genannten Sozialistischen Frühling 1960 in der DDR“ dienen sollte. Diese Vorwürfe sind nicht zutreffend.
Die Konferenz in Kyritz war bereits lange geplant und nahm keinen Bezug auf die anderntags stattfindende Denkmalseinweihung. Sie trug den Titel „Agrargenossenschaften gestern und heute“. Im Untertitel wurde die Veranstaltung bewusst neutral als „Konferenz aus Anlass des 50. Jahrestages des Abschlusses der Genossenschaftsbildung in der Landwirtschaft der DDR 1960“ ausgewiesen. Damit sollte lediglich eine Tatsache aber keine Wertung vorgegeben werden. Die Absicht der Rosa-Luxemburg-Stiftung Brandenburg, eine kritische Beschäftigung mit dem Thema zu ermöglichen, verdeutlicht auch folgende Passage aus dem Einführungsvortrag des Agrarhistorikers Prof. Dr. Siegfried Kuntsche. Er führte unter anderem aus: „1960 fand nur eine Minderzahl von Bauern von sich aus den Weg in die LPG – sei es aus gesellschaftlicher Einsicht oder infolge einer konkreten Argumentation mit Dorfentwicklungskonzepten, die überzeugte und den letzten Anstoß gab. Jedoch: Nicht die offiziell postulierte Freiwilligkeit war das Charakteristikum der Kampagne für die Vollgenossenschaftlichkeit, sondern politisch-ideologischer Druck. […] Die Bezeichnung ‚sozialistischer Frühling’ war also ein euphemistisches Konstrukt der Propagandisten. Diese bildliche Charakterisierung dürfte der Gefühlslage der meisten Bauern entsprochen haben. Man wird im Dorf den Kopf geschüttelt haben, wenn man erfuhr, die DDR-Volkskammer gratuliere in einem Beschluss den Bauern und spreche von einer‚Vollendung der Bauernbefreiung’. […] Hartnäckig widerstrebenden Bauern wurde juristische Verfolgung angedroht. Es kam zu Gesetzesverletzungen, polizeilichen Übergriffen und Verhaftungen. Als Folge psychologischen Terrors erlitten Bauern Nervenzusammenbrüche. Es gibt auch Meldungen, dass Bauern sogar ihrem Leben ein Ende setzten.“ Jubeltöne klingen wohl anders. Die kritische Sicht auf die Vorgänge in der DDR in den fünfziger Jahren bestätigte auch die Bundestagsabgeordnete der LINKEN, Kirsten Tackmann. Sie erklärte: „Es gab Druck und Gewalt gegen Bauern und das Freiwilligkeitsprinzip wurde massiv verletzt.“ Der Präsident des Landesbauerverbandes Brandenburgs und SPD-Landtagsabgeordnete, Udo Folgart, sowie der Präsident Mitteldeutscher Genossenschaftsverbandes, Dietmar Berger, stimmten ihr in dieser Aussage zu. Der Moderator der Veranstaltung teilte zu Beginn der Podiumsdiskussion mit, dass es einen diesbezüglichen Selbstmord in seiner eigenen Familie gegeben habe. Er fügte aber auch hinzu, dass es einen solchen Selbstmord auch 1991 im Zuge der LPG-Auflösung gegeben hat. Wir betonen ausdrücklich, dass die Veranstaltung der Rosa-Luxemburg-Stiftung Brandenburg eine inhaltliche und sachliche Ausgewogenheit offenbarte. Denn ebenso fand Erwähnung, dass die zum Teil mit verbrecherischen Mittel hergestellte Struktur in späteren DDR-Jahren Akzeptanz unter der Landbevölkerung gefunden hat, die bis heute nachwirkt. Es kamen Landwirte zu Wort, die aus ihrer Ablehnung der LPG-Bildung keinen Hehl gemacht hatten, aber von der Richtigkeit später überzeugt waren. Die LPG der DDR waren wahrlich nicht widerspruchsfrei, aber insgesamt gesehen wirtschafts- und sozialpolitisch erfolgreich. Zur geschichtlichen Wahrheit, die bei der Tagung unserer Stiftung auch zur Sprache kam, gehört,  dass die genossenschaftliche Struktur die Wende 1989/90 vielfach überlebt hat und heute eine achtbare und erfolgreiche Form der landwirtschaftlichen Tätigkeit ist. Jeder der rund 70 Teilnehmer an der Veranstaltung in Kyritz konnte erleben, dass die Referenten und Teilnehmer an der Podiumsdiskussion ihre kritische Sicht auf die Vergangenheit aber auch auf die gegenwärtige Entwicklung in der Landwirtschaft der ostdeutschen Bundesländer vortrugen. Wenn sich allerdings nach der Veranstaltung Politiker, Verbandsfunktionäre und auch mancher Journalist zu Wort melden und über eine Veranstaltung, an der sie gar nicht teilgenommen haben, abwertend und diskreditierend urteilen, so ist dies entweder unredlich oder aber stark von Interessen geleitet.
Dr. Detlef Nakath, Geschäftsführer
Potsdam, den 6. Mai 2010