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23 | 07 | 2019
Wirtschaftliche ERholung nur auf dem Papier PDF Druckbutton anzeigen?
„Die Talsohle ist durchschritten.“ So und ähnlich lauteten am 13. August 2009 die Schlagzeilen.
Das Statistische Bundesamt hatte erste Zahlen zur wirtschaftlichen Entwicklung im zweiten Quartal 2009 vorgelegt. Danach wuchs das Bruttoinlandsprodukt gegenüber dem ersten Vierteljahr um 0,3 Prozent. Jetzt hat die Behörde detaillierte Zahlen vorgelegt. Und siehe da: die wirtschaftliche Erholung findet nur auf dem Papier statt.

Wie wird das BIP berechnet?
Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist – grob gesagt –
die Summe aller in Deutschland produzierten Waren
und Dienstleitungen. Dieser Betrag wird aber
noch angepasst:
Private und staatliche Konsumausgaben
+ Bruttoinvestitionen
+ Exporte
- Importe
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Bruttoinlandsprodukt

Das Statistische Bundesamt sagt in seiner Pressemeldung vom 25. August: „Da die preisbereinigten Importe mit -5,1% aber erheblich stärker zurückgegangen sind als die Exporte (-1,2%), trug der daraus resultierende Exportüberschuss mit 1,6 Prozentpunkten zum BIP-Wachstum bei.“ Im Klartext: Deutschland lieferte im zweiten Quartal noch weniger Waren ins Ausland als im ersten. Aber gleichzeitig wurden noch sehr viel weniger Waren nach Deutschland importiert. Auf beiden Seiten schrumpft die wirtschaftliche Aktivität. Wenn man den Rechentrick aus der offiziellen Statistik herausnimmt, dann bleibt in Wirklichkeit ein Rückgang von 1,3 Prozent im Vergleich zum Vorquartal stehen.
Stell dir vor, du verdienst 2000 Euro. Plötzlich verlierst du deinen Job. Dein Einkommen sinkt auf 1.300 Euro. Um zu sparen, ziehst du aus deiner Wohnung aus und zu deinen Eltern ins Kinderzimmer.
So sinken deine Ausgaben um 800 Euro. Du hast also netto 100 Euro (+7,7%) mehr in der Tasche - aber deutlich weniger Wohnraum und Lebensqualität. Ob du dieses Wachstum bejubeln würdest, darf bezweifelt werden. Genau das passiert aber gerade in Deutschland.
Die wirtschaftliche Realität in Deutschland: tiefe Krise und keine Besserung in Sicht. Das sind die Zahlen. Was ist in der Realität passiert?
Der Staat hat seine Konsumausgaben im zweiten Quartal 2009 um weniger als einen zehntel Prozentpunkt erhöht. Auch die privaten Konsumenten haben im Vergleich zum Vorquartal ein wenig tiefer in die Tasche gegriffen. Hier wirkte vor allem die die jetzt auslaufende „Abwrackprämie“: Im ersten Halbjahr 2009 stieg der Kauf von Autos um 23 Prozent. Rechnet man diesen Effekt heraus, sank der private Konsum um ersten Halbjahr 2009 um 1 Prozent. Diejenigen, die Waren und Dienstleistungen bereit stellen, die Unternehmen, reagierten auf diesen auf einige wenige Branchen beschränkten Anstieg der Nachfrage rational: Sie bauten Lagerkapazitäten ab, weiteten ihre Produktion in der Summe nicht aus, schränkten die Importe weiter extrem ein.
Die Regierung will als gute Krisenbewältigerin bei den Wählerinnen und Wähler ankommen. Da passen die Meldungen zur wirtschaftlichen Erholung gut. Ebenso passt gut, dass die „Abwrackprämie“ wohl gerade noch bis zum Wahltag reichen wird. Die führenden Unternehmen haben der Kanzlerin versprochen, vor dem 27. September den Schalter noch nicht von „Kurzarbeit“ auf „Entlassung“ zu stellen. Und um die absehbaren Löcher in den Staats- und Sozialkassen ist es auch merkwürdig ruhig geworden. Die Rechnung soll erst nach den Wahlen präsentiert werden.
Und die verfügbaren Zahlen geben leider wenig Anlass, auf echte und durchgreifende wirtschaftliche Besserung zu hoffen. Steigende Arbeitslosenzahlen, wegrutschende Löhne (die Regierung rechnet in ihrem jüngsten Finanzplan 2010-2013 von Bruttolohnsteigerungen mit höchstens 1 Prozent pro Jahr) - die Masseneinkommen werden innerhalb des nächsten halben Jahres deutlich absinken. Ein Unternehmen,
das seine Waren in Deutschland absetzen will, hat allen Grund, vorsichtig zu kalkulieren. Die Einzelhandelsumsätze gingen im Mai und Juni real zurück und liegen um fast sechs Prozent unter dem Niveau von 2005.